Zwei Telefonnummern auf einem Zettel, und du weißt nicht, welche du zuerst wählst und ob überhaupt
Zwei Nummern stehen auf dem Zettel neben dem Telefon. Die des Schulpsychologen, die dir die Lehrerin gegeben hat. Und die eines Kinder- und Jugendpsychiaters, die du dir selbst schon herausgesucht hast, nur für den Fall. Du hast beide schon ein paarmal angeschaut und noch keine gewählt. Welche zuerst? Und ist das überhaupt das richtige? Braucht mein Kind eine Diagnose, um weiterzukommen?
Vielleicht kennst du auch die anderen Aspekte davon. Die Sorge, dass ihr ohne Diagnose keine Unterstützung bekommt, die euer Kind wirklich braucht. Oder die Sorge, dass die Diagnose am Ende gar nicht das bringt, was ihr euch davon versprecht. Und schließlich könne noch dazu kommen, dass dein Kind sich als gestört empfindet und nicht mehr an sich glaubt, wenn ihr schwarz-auf-weiß habt, dass dein Kind LRS oder Rechenschwäche hat.
Du weißt nicht, was das Beste ist für dein Kind?
Diese Sorgen ziehen in entgegengesetzte Richtungen, und genau deshalb bleibt der Zettel liegen. Mit Scham hat das heute übrigens kaum noch etwas zu tun, eine Diagnose ist kein Makel mehr, den man verstecken müsste. Das eigentliche Problem liegt woanders. Dazu weiter unten mehr.
Meine Empfehlung: Ruf den Schulpsychologen sowie den Kinder- und Jugendpsychiater an und mach die Termine aus. Absagen kannst du immer noch, wenn du es dir inzwischen anders überlegst.
Eine Diagnose sagt nicht, was für Lernblockaden bereits entstanden sind
Eine Diagnose beschreibt einen Ausschnitt, nicht das ganze Bild. Ich denke Lernen deshalb wie ein Haus mit mehreren Ebenen, ausführlich beschrieben im Beitrag Warum Lernen nicht klappt: das Haus-Bild. Eine Diagnose wie Legasthenie oder Dyskalkulie beschreibt vor allem das Erdgeschoss dieses Hauses, also welcher Lernbereich betroffen ist. Sie sagt nichts darüber, wie viel Frust, Vermeidung oder Selbstzweifel sich bei deinem Kind in den Jahren davor schon angesammelt haben, das, was ich im Fundament und im Keller des Hauses verorte: der innere Zustand, alte Blockaden, Mut und Selbstvertrauen. Eine Diagnose sagt nur, ob die Grundlagen des Lernstoff fehlen und meist auch ausführlich, wieviel Prozent.
Eine Diagnose verändert fast nie, wo ich mit einer Familie anfange.
Ich schaue zuerst, welche Ebene bei eurem Kind gerade am meisten im Weg steht. Der Fachbegriff auf dem Blatt Papier kommt für mich erst danach.
„Braucht mein Kind eine Diagnose?“ – wann ja, und wann nicht
Es gibt drei Dinge, die euch eine Diagnose bringen kann: 1. Nachteilsausgleich, 2. Finanzierung der Lerntherapie, 3. Was gefördert werden muss.
1. Nachteilsausgleich
- Der Schulpsychologe stellt die erste, meist kostenlose Diagnose, oft nach einem Hinweis der Lehrerin. Bei Legasthenie und LRS reicht sie in der Regel für einen Nachteilsausgleich, bei Dyskalkulie gibt es in Bayern aktuell keinen offiziellen Nachteilsausgleich, dafür aber oft mehr Verständnis von der Lehrkraft oder andere Hilfen.
- In Bayern gibt es für Dyskalkulie aktuell keinen Nachteilsausgleich, egal wie gründlich die Diagnose ausfällt. Bei Legasthenie und LRS sieht das anders aus, dort öffnet eine Diagnose tatsächlich Türen. Und diese Türen solltet ihr unbedingt nutzen, denn sie ermöglichen euch, wirklich an den Ursachen eurer Lernschwierigkeiten zu arbeiten zu können. Ihr habt also in meinen Augen wirklich einen Nutzen von der Diagnose beim Schulpsychologen.
- Und selbst wenn ein Nachteilsausgleich greift, sind viele Lehrkräfte mit der Umsetzung schlicht überfordert, ohne dass sie das je gelernt haben. Ich erlebe das oft: Ein Arbeitsblatt wird auf DIN A2 hochkopiert, damit die Buchstaben größer wirken, dabei sieht der Text dadurch nur noch unübersichtlicher aus, das Worterfassen fällt schwerer, nicht leichter. Oder ein Kind bekommt bei Dyskalkulie einen Abakus oder Rechenplättchen an den Platz gestellt, sichtbar für die ganze Klasse. Die Mitschüler kommentieren das, und aus der eigentlich hilfreichen Idee wird der Moment, vor dem sich dein Kind am meisten fürchtet.
2. Finanzierung der Lerntherapie
- Der Kinder- und Jugendpsychiater stellt umfassendere Diagnosen, die Testungen sind ausführlicher und brauchen mehr Zeit. Außerdem kann zusätzlich ADHS oder Autismus getestet werden. Diese Diagnosen sind meist Voraussetzung für eine finanzielle Förderung. Wie diese Förderung aussieht, regelt jedes Bundesland und sogar jedes Jugendamt unterschiedlich, beim Jugendamt Augsburg Land zum Beispiel ist sie an ein fachärztliches Gutachten gebunden.
- Die Wartezeit beim Jugendpsychiater beträgt oft mehrere Monate bis zu einem Jahr, ein früher Termin bei beiden Anlaufstellen gleichzeitig lohnt sich deshalb.
3. Was gefördert werden muss
Aus dem Gutachten kann man meistens nur herauslesen, wie stark die Legasthenie oder Dyskalkulie ist, wie die Intelligenz ist und wie groß der Abstand zwischen Intelligenz und Lese-, Schreib- oder Rechenfähigkeit ist. Das bringt also wenig, um zu wissen, wo man ansetzen muss. Deswegen machen die meisten Lerntherapeuten eigene Diagnosen, die direkt mit ihrem Förderprogramm verknüpft sind.
Bei mir ist das anders. Genau wie die Förderung spielerisch ist und Spaß macht, so ist es auch mit der Diagnose. Ich spiele mit den Kindern ein paar Lernspiele und schon sehe ich, welche Grundlagen sie beherrschen, welche noch nicht. So muss dein Kind, wenn es zu mir kommt, nicht noch mal Testungen durchstehen. Denn es hat meistens ja eh schon welche hinter sich.
Ich muss also auch genau einstufen, welche Grundlagen im Lernstoff schon sitzen und welche noch fehlen. In Mathe prüfe ich als Erstes den Zahlenraum 1 bis 20 mit dem Zehnerübergang. In Deutsch schaue ich mir die Verbindung von Lauten und Buchstaben an, das Wortlesen, und lasse mir eine kleine Schreibprobe geben. Meistens weiß ich danach schon genug, ganz ohne Testung.
Kurz gesagt: Mir bringen die Diagnosen eher wenig. Trotzdem lese ich die Gutachten ausführlich durch. Aber das reicht wie gesagt, nie. Zusätzlich zu den Grundlagen des Lernstoffs brauche ich für meine Arbeit auch einen Blick auf Motivation, Mut, Selbstvertrauen, Trauma, Blockaden und Lernstress, unabhängig von jeder Diagnose.
Die eigentliche Frage lautet deshalb seltener „Diagnose, ja oder nein“. Sie lautet eher: Welche der beiden Nummern rufst du zuerst an, oder doch beide?
Bei meinem Sohn war das nicht anders
Eines meiner vier Kinder hat eine mittelstark ausgeprägte Legasthenie, festgestellt vom Schulpsychologen in der Grundschulzeit. Diese eine Diagnose hat uns damals nicht automatisch gesagt, was zu Hause zu tun war, das mussten wir trotzdem selbst herausfinden, mit vielen Umwegen, lange bevor ich Lerntherapeutin wurde. Aber sie hat meinem Sohn geholfen, nicht nur schlechte Noten zu bekommen. Aber damals gab es kaum Lehrer, die sich mit Legasthenie auskannten. Auch wir waren beim Kinder- und Jugendpsychiater. Dort wurde die Diagnose bestätigt. Aber damals wurde uns keine spezielle Lerntherapie oder Förderprogramme angeboten. Deswegen war es wenig hilfreich, diesen zusätzlichen Aufwand auf uns zu nehmen.
Zurück zu den zwei Nummern auf dem Zettel
Ruf am besten beide zeitnah an. Die Wartezeit beim Jugendpsychiater ist ohnehin so lang, dass ihr nichts verliert, wenn ihr parallel startet. Der Schulpsychologe bringt bei Legasthenie und LRS meist den Nachteilsausgleich, bei Dyskalkulie zumindest mehr Verständnis vom Lehrer. Der Kinder- und Jugendpsychiater bringt möglicherweise eine bezahlte Förderung, das entscheidet aber euer Jugendamt vor Ort, nicht ein bundesweiter Standard.
Geht es dir gerade vor allem um die Frage, ob ihr überhaupt anfangen dürft, etwas zu verändern: die Antwort ist ja, mit oder ohne Diagnose in der Akte.
Ich fange bei jedem Kind gleich an, ob mit Diagnose, mit Verdacht oder einfach mit dem Gefühl, dass irgendetwas beim Lernen nicht rund läuft. Erst schauen, wo der Boden trägt und wo nicht. Die beiden Anrufe dürfen parallel ihren Weg gehen, sie müssen nur nicht der erste Schritt sein, bevor irgendetwas passieren darf.
Wollt ihr schon mal euren Lernstress und die Blockanden lösen mit oder ohne Diagnose? Der Lernfreude-Erlebnisnachmittag ist der einfachste Weg, meine Angebote unverbindlich kennenzulernen.
Lust, dich noch weiter umzuschauen?
Häufige Fragen zur Diagnose bei Legasthenie und Dyskalkulie
Wie läuft der Weg zu einer Diagnose normalerweise ab?
Meist beginnt es mit einem Hinweis der Lehrerin oder der eigenen Beobachtung. Am schnellsten seid ihr dran, wenn ihr beide Wege gleichzeitig angeht: den Schulpsychologen für die schulische Seite, den Kinder- und Jugendpsychiater für alles, was darüber hinausgeht, etwa den Verdacht auf ADHS oder Autismus oder eine finanzielle Förderung.
Brauche ich eine Diagnose für einen Nachteilsausgleich in der Schule?
Bei Legasthenie und LRS reicht dafür in der Regel die Diagnose vom Schulpsychologen. Bei Dyskalkulie gibt es in Bayern aktuell keinen offiziellen Nachteilsausgleich, die Diagnose bringt hier trotzdem oft mehr Verständnis von der Lehrkraft.
Gilt die fehlende Nachteilsausgleich-Regelung bei Dyskalkulie auch in anderen Bundesländern?
Nein, das betrifft aktuell vor allem Bayern. Mehrere andere Bundesländer sehen längst einen Nachteilsausgleich bei Dyskalkulie vor. Wohnt ihr außerhalb Bayerns, lohnt sich deshalb ein eigener Blick bei eurem Kultusministerium, die Rechtslage kann sich von Bundesland zu Bundesland deutlich unterscheiden.
Übernimmt das Jugendamt die Kosten auch ohne Diagnose?
Das entscheidet jedes Bundesland und sogar jedes Jugendamt unterschiedlich. Beim Jugendamt Augsburg Land, mit dem ich hauptsächlich zusammenarbeite, ist die Förderung an ein Gutachten vom Kinder- und Jugendpsychiater gebunden, andere Jugendämter handhaben das anders. Am besten fragst du direkt bei eurem zuständigen Jugendamt nach. Mehr zur Kostenübernahme auf der Seite Lerntherapie in Nordendorf.
Kann ich mit meinem Kind schon vor einer Diagnose an den Grundlagen arbeiten?
Ja, und genau das empfehle ich meistens auch. Die Wartezeit beim Jugendpsychiater dauert oft ein Jahr, und dieses Jahr muss kein verlorenes sein. Ich arbeite dabei immer gleichzeitig an allen Ebenen: mit Spielen an der Freude, mit Fehlerarmut an Mut und Selbstvertrauen, mit Neuro-Tapping und Neuro-Zeichnen an Trauma, Lernstress und Blockaden. Am aktuellen Schulstoff selbst, den Lernwörtern oder Rechenarten von dieser Woche, setze ich dabei nicht an, das bleibt Aufgabe von Schule und Nachhilfe. Mehr zur Haus-Bild-Logik dahinter im Beitrag Warum Lernen nicht klappt: das Haus-Bild.
Woran erkenne ich die Anzeichen für Legasthenie oder Dyskalkulie überhaupt?
Beides zeigt sich meist über mehrere Monate, in einem Zusammenspiel typischer Signale statt an einer einzelnen Situation. Ausführlich beschrieben in den Beiträgen Anzeichen für Legasthenie erkennen und Anzeichen für Dyskalkulie bei meinem Kind erkennen.
Bist du für dieses Thema die richtige Ansprechperson?
Ja, gleich aus zwei Richtungen. Ich habe selbst eine milde Legasthenie, mein Sohn eine mittelstark ausgeprägte. Dazu meine lerntherapeutische Ausbildung seit 2022 in eigener Praxis. Die vollständige Übersicht findest du auf der Seite Qualifikationen.
Was, wenn zusätzlich zur Diagnose noch ADHS oder Autismus im Raum steht?
Mein Schwerpunkt liegt auf Legasthenie und LRS sowie Dyskalkulie und Rechenschwäche, ADHS oder Autismus stehen dabei nicht im Vordergrund. Das schließt euer Kind aber nicht aus, wenn beides zusammen vorkommt.


