Was, wenn Üben nicht das Problem ist?
Ein Mädchen sitzt bei mir am Tisch, die Matheprobe von heute liegt vor ihr, eine 6 in roter Schrift. Dabei konnte sie die Aufgaben bei mir. Und zu Hause hatte sie mit ihrer Mutter tagelang geübt, sie hatte alles drauf. Auf die Frage, was los war, zuckt sie nur mit den Schultern. Ich schiebe ihr einen Stift und ein Blatt Papier hin, kein Thema, einfach zeichnen, was gerade kommt. Linien, ein paar Kreise, eine krumme Blume in der Ecke. Nach ein paar Minuten fängt sie von selbst an zu erzählen. Sie ist wütend auf sich, weil sie so blöd ist. Sie ist traurig, weil es wieder nicht geklappt hat mit der 4. Und dann zeichnen wir genau diese Wut und diese Traurigkeit. Und langsam fängt sie an, sich zu entspannen, bekommt neuen Mut und zeichnet um den Kreis, den sie mit „Ich“ beschriftet hatte ein Herz. Genau das ist intuitives Zeichnen für Kinder in seiner einfachsten Form. Danach gehen wir die Aufgaben noch mal durch.
Ich nenne das Neuro-Zeichnen, meinen Namen für diese Methode, die ich mit Kindern und ihren Eltern einsetze, oft gemeinsam, in der Lerntherapie manchmal auch nur mit dem Kind allein. Die Basis dafür ist NeuroGraphik® nach Pavel Piskarev, eine Weiterentwicklung ohne festes Schema, mal mit einem Thema, mal ganz ohne. Beim Zeichnen verlangsamt sich der Gedankenstrom von allein, ähnlich wie beim Klopfen findet die Anspannung einen Weg nach draußen, nur eben über die Hand statt über Worte.
Die einfachste Form davon nenne ich Neurokritzeln: fünf Minuten, ein kleines Kästchen auf dem Blatt, kein Thema, keine Vorgabe, nur Linien, Kreise, Dreiecke, Symbole und Farben, was der Hand gerade einfällt. Im Lernfreude-Einzelcoaching dagegen nehmen wir uns mehr Zeit, immer zu einem konkreten Thema, dem sich Kind und Elternteil zeichnend nähern, jeder mit einem eigenen Bild. Beide Formen haben ihren Platz, je nachdem, was gerade gebraucht wird.
Zeichnen als Beschäftigung für Kinder kennt fast jeder, als Selbstcoaching-Werkzeug für Erwachsene wird NeuroGraphik® ebenfalls öfter beschrieben. Was dabei selten zur Sprache kommt: dass genau dieses freie, unbeobachtete Zeichnen einem überforderten Nervensystem hilft, wieder runterzukommen, bei Kindern mit Lernschwierigkeiten oft schneller als jedes Gespräch. Zusätzlich stärkt es die Konzentration, neue Nervenbahnen verknüpfen sich. Es lohnt sich also, mit Neuro-Zeichnen anzufangen.
Warum das mit Lernen zusammenhängt
Beim Zeichnen findet die Anspannung einen Ausgang, unabhängig davon, was am Ende auf dem Blatt steht. Das Nervensystem kommt aus dem Stressmodus heraus, genauso wie beim Neuro-Tapping. Bei dem Mädchen von eben sieht das so aus: Nach ein paar Minuten Kritzeln erzählt sie von selbst, was sie bei der Matheprobe wirklich blockiert hat, ohne dass ich noch einmal nachfragen musste.
Und bei dem Mädchen hat die Anspannung, Angst vor Mathe und der Stress während der Matheprobe dazu geführt, dass sie ihr Wissen nicht mehr abrufen konnte. Ihr Kopf war wie leergepustet. Gerade Kinder mit Rechenschwäche oder LRS erleben solche Situationen immer wieder. Genau dann, wenn es darauf ankommt, versagt alles, was sie bisher geübt haben. Deswegen reicht Üben alleine niemals aus.
In meinem Haus-Bild für Lernen erkläre ich das genauer: Ein Nervensystem, das dauerhaft unter Druck steht, kann sich neue Informationen kaum merken, egal wie oft geübt wird. Es reicht nicht, wenn wir im Erdgeschoss, also an den Grundlagen des Lernstoffs arbeiten. Auch Keller und Fundament müssen einbezogen werden. Und genau dabei hilft Neuro-Zeichnen.
Wenn ich Neuro-Zeichnen bei Kindern mit Lernschwierigkeiten einsetze, sehe ich das immer wieder: Erst kommt die Entlastung, dann erst wird der Kopf wieder frei für den Lernstoff im Erdgeschoss.
Diesen Moment der Entlastung kenne ich auch von mir selbst. Ich zeichne bis heute regelmäßig, mit oder ohne Thema, und spüre dabei genau das, was ich bei den Kindern sehe: Der Kopf wird leichter, oft bevor ich überhaupt weiß, worüber ich mir gerade Gedanken gemacht habe.
Wie sich Neuro-Zeichnen im Alltag konkret anfühlt und einsetzen lässt, liest du in Lernblockaden bei Kindern lösen. Die Herkunft und die Forschung dazu liest du gleich in den häufigen Fragen.
Willst du selbst spüren, wie sich das anfühlt? Beim Lernfreude-Erlebnisnachmittag probierst du Neuro-Zeichnen gemeinsam mit deinem Kind aus, kostenlos und unverbindlich.
Häufige Fragen zu Neuro-Zeichnen: intuitives Zeichnen für Kinder
Auf welchen Ebenen im Haus-Bild wirkt Neuro-Zeichnen?
Zusammen mit Neuro-Tapping ist Neuro-Zeichnen eines meiner Werkzeuge für Fundament und Keller in meinem Haus-Bild für Lernen: Beide helfen deinem Kind, aus dem Keller herauszukommen und überhaupt bereit zu sein, sich den Grundlagen im Lernstoff zu stellen.
Was unterscheidet Neuro-Zeichnen von NeuroGraphik®?
NeuroGraphik® ist eine Zeichen-Coaching-Methode, mit der man sich selbst oder andere coacht: immer zu einem Thema, mit festem Schema, die Neurolinie in schwarzem Fineliner als Basis, konkrete Motive wie Herzen oder Tiere sind dort nicht vorgesehen. Bei Neuro-Zeichnen ist alles erlaubt: Ecken, Spitzen, konkrete Motive, mit oder ohne Fineliner, mit oder ohne Farbe, viel oder wenig Weißraum, kleine und große Kreise, Doodles, ganz wie es gerade passt. Ich habe die Methode für mich weiterentwickelt, ohne festes Schema und mit mehr Freiheit, auch das Abrunden der Linien am Ende, ein fester Schritt im klassischen NeuroGraphik®-Ablauf, fällt bei mir weg, denn die meisten Kinder kapieren es nicht oder finden es anstrengend.
Welche Zertifikate habe ich in NeuroGraphik®?
Zwei Zertifikate als NeuroGraphik®-Spezialistin, eins für Kinder und Jugendliche, eins für Erwachsene, dazu alle Algorithmen abgeschlossen. Die vollständige, chronologische Liste mit allen Instituten findest du auf der Qualifikationen-Seite. Zertifiziert als NeuroGraphik®-Spezialistin habe ich am Institut für Kreativitätspsychologie, heute unter dem Namen PolyCrea®, bei dem ich immer noch weiterlerne. Außerdem hatte ich weitere Lehrer, siehe die nächste Frage.
Wie haben sich meine eigenen Lehrer weiterentwickelt?
Jörg Lehmann hat NeuroGraphik® 2017 als Erster ins Deutsche gebracht und über tausend Fachleute darin ausgebildet, heute unterrichtet er seine eigene Methode KÄNGA®. Ingrid Werner, bei der ich alle Algorithmen absolviert habe, hat mit InZeichnen ihren eigenen kreativen Weg gefunden.
Was ist NeuroGraphik®, und wer hat sie begründet?
NeuroGraphik® hat Pavel Piskarev vom Institut für Kreativitätspsychologie 2014 entwickelt, heute in über 30 Ländern im Einsatz, in Bildung, Kunsttherapie, Coaching, Training und Beratung. Bei ihm selbst habe ich keine Kurse gemacht.
Ist NeuroGraphik® auch außerhalb Russlands wissenschaftlich anerkannt?
Offiziell als eigene Wissenschaft nur in Russland, dort seit 2019. International gibt es bislang keine vergleichbare Anerkennung und auch keine Studien in großen, unabhängigen Fachzeitschriften. Was gut belegt ist: Der Zeichenprozess selbst wirkt beruhigend, das zeigen kunsttherapeutische Studien unabhängig von NeuroGraphik®. Ich bin da ehrlich: Die Methode selbst ist jung, ihre Wirkung als Coaching-Werkzeug stützt sich auf breitere Forschung zum Zeichnen allgemein.
Ist intuitives Zeichnen wissenschaftlich untersucht?
NeuroGraphik® stützt sich auf Neuropsychologie, Analytische Psychologie nach C. G. Jung, Gestaltpsychologie und Sozialpsychologie, in Russland als wissenschaftliche Arbeit anerkannt. Der Zeichenprozess selbst wirkt nachweisbar: Er verlangsamt, beruhigt Gedankenschleifen und senkt messbar Cortisol, ähnlich wie meditative Prozesse die Amygdala-Aktivität reduzieren. Kunsttherapeutische Studien zeigen bei Kindern ein verbessertes emotionales Wohlbefinden, weniger Impulsivität und weniger Angst.


