Auch das schönste Lernspiel bringt nichts, wenn die Wörter die falschen sind
Im Beitrag Lernspiele für LRS hast du schon gesehen, wie aus einem ganz normalen Brettspiel ein wirksames Übungsspiel wird. Aber das Spiel selbst ist nur die halbe Geschichte. Die andere Hälfte ist das Wortmaterial für LRS selbst – ob mit diagnostizierter Legasthenie oder als anhaltende LRS ohne Diagnose: Welche Wörter kommen überhaupt auf die Karten?
Genau hier passiert der Fehler, den ich am häufigsten sehe. Eltern greifen zu den Wörtern aus dem aktuellen Schulstoff oder zur nächsten Diktatübung, weil das naheliegt. Kann dein Kind aber nicht einmal neunzig Prozent dieser Wörter lesen oder beherrscht es die grundlegenden Rechtschreibregeln nicht, wird jede Spielrunde zu einer weiteren Enttäuschung, egal wie schön das Spiel selbst ist.
Wortmaterial für LRS: ganz unten anfangen, mit lautgetreuen und häufigen Wörtern
Am Anfang stehen ausschließlich lautgetreue Wörter, also Wörter, die genauso geschrieben werden, wie man sie spricht. Keine Ausnahmen, keine Sonderfälle, noch nicht. Das ist keine Geschmacksfrage, sondern die einzige Stelle, an der ein Kind mit LRS wirklich fehlerfrei arbeiten kann, und genau dieses Gefühl muss erst wieder wachsen: Ich kann das doch. Ausnahme sind häufige Wörter, das sind oft Merkwörter, sie kommen aber so häufig vor, dass sie fast noch wichtiger sind, als die lautgetreuen.
Die 100 häufigsten Wörter: eure erste Anlaufstelle
Der einfachste Einstieg braucht kein Geld und keine eigene Schreibarbeit: die 100 häufigsten Wörter der deutschen Sprache, fertig als Karten. Genau die bietet das kostenlose Sichtwortschatztraining der ALF Hannover zum direkten Ausdrucken, das ist die erste Anlaufstelle, damit ihr sofort anfangen könnt. Diese Karten übt ihr dann genau so, wie im Beitrag Lernspiele für LRS beschrieben, Stufe für Stufe, ohne die Stufen zu mischen.
Was hier passiert, ist mehr als nur Wörter lernen: Dein Kind sieht dieselben Wörter in den nächsten Wochen ständig wieder, in Büchern, auf Schildern, in den eigenen Hausaufgaben. Jedes Wiedererkennen ist ein kleiner Erfolg, den es vorher so nicht gab.
Die Buchstabenstufen: so geht es danach weiter
Sitzen die häufigsten Wörter, kommt immer nur eine neue Schwierigkeit auf einmal dazu, nie mehrere gleichzeitig:
- Lautgetreue Wörter.
- Umlaute und feste Lautverbindungen, wie sch, ch, sp, st und pf, also Wörter wie „Schule“ oder „Pferd“.
- Mitlaut- und Selbstlauthäufungen, wie in „Familie“ oder „Straße“.
- Die Verlängerungsprobe: Bei „Brot“ hört man das stumme t erst, wenn man „Brote“ sagt, genau das übt ihr jetzt bewusst.
- Ableitung und Wortfamilie: Bäume kommt von Baum und wird deswegen mit äu geschrieben, Bäche kommt von Bach und wird deswegen mit ä geschrieben.
- Rechtschreibregeln wie ie, ß, tz und Doppelkonsonanten, hier gehört auch ck dazu.
- Ganz am Ende die Merkwörter, v und Dehnungs-h, also alles, was sich nicht erklären, sondern nur merken lässt.
Jede Stufe braucht ihre eigene Zeit, manche länger als andere. Entscheidend ist nur die Reihenfolge, nicht das Tempo.
Wenn die ersten Karten sitzen: vorsichtig weitergehen
Klappt das mit den 100 häufigsten Wörtern gut, geht es weiter mit den Zebra-FRESCH-Karteien von Klett, meine Standard-Empfehlung für Therapie-Eltern: erst Stufe 1/2, dann erst Stufe 3/4, sobald die erste Stufe sicher sitzt. Die Klassenstufe selbst spielt dabei keine Rolle, und bei Geschwistern auf unterschiedlichem Stand spielt jedes Kind einfach mit seinen eigenen Karten.
Bei einer stärker ausgeprägten Legasthenie eignen sich zusätzlich die Lernkarten Willkommen in Deutschland I und Willkommen in Deutschland II von Mildenberger. Jedes Wort trägt hier einen farbigen Silbentrenner, eigentlich für Deutsch als Zweitsprache gedacht, aber gerade dadurch leichter gehalten, bei starker LRS oft die bessere Wahl.
Erst wenn auch das durch ist, dürfen die 300 häufigsten Fehlerwörter nach Dr. Gero Tacke dazukommen, kostenlos als PDF, sortiert auch als Karten-Trainer erhältlich. Sinnvoll ist das aber erst ab der vierten oder fünften Klasse, und erst, wenn es wirklich nur noch um Rechtschreibung geht, nicht mehr ums Lesen.
Diese Reihenfolge ist genau die Arbeit, die im Erdgeschoss meines Haus-Bilds für Lernen passiert, im Deutsch-Zimmer: nicht irgendein Wortmaterial, sondern das richtige, in der richtigen Reihenfolge. Für Zahlen gilt im Mathe-Zimmer dieselbe Logik, nur mit anderem Material.
Willst du wissen, ob Lerntherapie der nächste sinnvolle Schritt für euch ist? Mehr zur Lerntherapie in Nordendorf, dort erfährst du auch, wie ihr euch bei mir meldet.
Lust, dich noch weiter umzuschauen?
Häufige Fragen zu Wortmaterial für LRS
In welcher Reihenfolge baue ich das Wortmaterial für LRS-Spiele auf?
Erst lautgetreue Wörter, dann Umlaute sowie sch, ch, sp, st und pf, dann Mitlaut- und Selbstlauthäufungen wie in „Familie“, dann die Verlängerungsprobe (Brot, Brote, um das stumme t hörbar zu machen), Ableitung (also ä und äu), dann Rechtschreibregeln wie ie, ß, tz, ck und Dopplung, und erst ganz am Ende Merkwörter, v und Dehnungs-h.
Ist es zu spät, wenn wir erst jetzt mit dem systematischen Wortaufbau anfangen, unser Kind ist schon in der weiterführenden Schule?
Nein. Das Gehirn baut auch im höheren Alter neue Verknüpfungen auf, der Schriftspracherwerb lässt sich jederzeit nachholen, wie unter anderem LOS bestätigt. Es dauert dann oft länger als bei einem Grundschulkind, aber später anzufangen ist immer noch besser, als gar nicht anzufangen.
Was sind die 100 häufigsten Wörter, und woher bekomme ich die Liste?
Das sind die Wörter, die im Deutschen mit Abstand am häufigsten vorkommen, von Artikeln über Pronomen bis zu einfachen Verben. Fertige Karten zum Ausdrucken gibt es kostenlos beim Sichtwortschatztraining der ALF Hannover.
Was hat es mit den 300 Fehlerwörtern nach Dr. Gero Tacke auf sich?
Dr. Gero Tacke hat, gestützt auf eine Studie von W. Menzel, die 300 Wörter zusammengestellt, die Grundschulkinder am häufigsten falsch schreiben, weil einfache Rechtschreibregeln sie nicht abdecken. Sinnvoll ist das aber erst ab der vierten oder fünften Klasse, und erst, wenn es wirklich nur noch um Rechtschreibung geht, nicht mehr ums Lesen, sonst kippt die Übung schnell in Frust. Die vollständige Liste gibt es als kostenloses PDF, fertig sortiert auch als Karten-Trainer.
Wie hängt das mit dem eigentlichen Lernspiel zusammen?
Das Wortmaterial ist der Treibstoff, das Spiel selbst der Motor. Wie beides zusammenspielt, Stufe für Stufe, zeige ich im Beitrag Lernspiele für LRS.
Bist du selbst für die Förderung bei LRS ausgebildet?
Ja, gleich mehrfach. Ich bin zertifizierte Lerntherapeutin bei SYSTI, diplomierte Legasthenie-Trainerin bei EÖDL, zertifizierte Legasthenie-Trainerin bei Lern Ort, und habe bei Dr. Petra Küspert die Förderung von der Diagnose zum Förderplan gelernt. Die vollständige Übersicht findest du auf der Seite Qualifikationen.


